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ONE MILLION YEARS (PAST AND FUTURE) / 2002
von On Kawara

Presse:

Frankfurter Rundschau v. 23.08.2002, S.29, Ausgabe: R Region
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Einemillioneintausendneunhundertfünfundneunzig

On Kawaras "One Million Years" im Hessischen Rundfunk und auf CD

One million years gilt als zentrale Arbeit von On Kawara. Als er selbst auf die vierzig zuging, startete der japanische Konzeptkünstler sein episches Projekt, mit dem er dem unerbittlichen Zeitfluss ins Auge sieht. Der Bedeutung der Zeit als Maßeinheit der menschlichen Existenz eingedenk, hämmerte er obsessiv Jahreszahlen in die Schreibmaschine. Beginnend mit dem Jahr 998 031 vor Christus und 1969 nach Christus endend, tippte er seit 1970 die "Past-Reihe". 1980 folgte die Fortsetzung - "Future" -, die auf 1 001 995 zählt. Das gesamte Werk endete für On Kawara 1989 in 20 Bänden.
Der Glaskasten auf der Documenta, in dem ein Sprecherpaar jeden Tag mit verteilten Rollen On Kawara liest, mithin die von ihm notierten Jahreszahlen herunterschnurrt - die Dame die geraden Zahlen, der Herr den Rest -, ist womöglich die zentrale Arbeit in Kassel. Mehr Memento Mori war nie.
Um das bedeutende Werk auch der breiten Öffentlichkeit erfahrbar zu machen, bietet sich das Medium Hörfunk an. Der Documentaleiter trat durch offene Türen. "Okwui Enwezor hat Interesse am Radio gezeigt, und dann sind wir eine Kooperation eingegangen", erzählt hr- Hörspieldramaturg Manfred Hess.
Sein Studio hat als exklusiver Radiopartner mit 18 professionellen Sprechern - unter ihnen Michaela Ehinger, Jochen Nix und Andreas Wellano - 32 CDs mit dem Zahlenwerk von je einer Stunde Dauer produziert. Wie bei der Soundinstallation in Kassel nahmen die Zahlenleser jeweils paarweise am Mikro Platz. In einer Holzbox werden die Compact Discs nun in limitierter Auflage als Multiple verkauft. Am 28. August und 4. September kann man auf hr2 jeweils von 22.30 Uhr bis Mitternacht schon mal gratis in das meditative Hörkunstwerk hineinhören und prüfen, ob man 32 Stunden On Kawara lauschen mag oder vielleicht Elvis besser verträgt.
"Zum ersten Mal haben wir uns in den Dienst eines Kunstwerks gestellt", erklärt Hess stolz, "der öffentlich-rechtliche Rundfunk zeigte Flagge und holte konzeptionelle Kunst ins Radio." Hess beachtete On Kawaras Sonderwünsche bis ins Detail und verpflichtete mit Oliver Augst und Christoph Korn als Aufnahmeleitern - bekannt von eigenen konzeptkünstlerischen Darbietungen - "Leute, die von der elektronischen Musik kommen und sich zurücknehmen können in der Regie". Schließlich komme es bei den einzelnen Sessions "auf die Pausen an".
Der Meister hatte verfügt, dass die akustische Umsetzung der Zahlenkolonnen von Deutschen, wiewohl in englischer Sprache erfolgt. "Die Amerikaner reden aber schneller", hat Hess festgestellt, an dessen Fähigkeit zum exakten Timing das Projekt besondere Anforderungen gestellt haben dürfte. Er selbst, der während der Produktionsphase sechs Wochen lang täglich On Kawara hörte, erlebte sich als empfänglichen Rezipienten. "Das Werk berührt so stark, weil sich ja hinter jeder Jahreszahl Ereignisse der offiziellen und privaten Geschichtsschreibung verbergen."
Ein anderer Frankfurter Kunstvermittler realisiert in Kürze einen weiteren On- Kawara-Wunsch. MMK-Direktor Udo Kittelmann - "On Kawara ist einer meiner Lieblingskünstler" - richtet gerade hinter den Date Paintings im Museum für Moderne Kunst eine Raucherecke ein, in der man sich qualmend und im Stehen der verfließenden Zeit bewusst werden darf. Zur Kippe einen Kopfhörer zu reichen mit der Aufnahme des hr, das erst wäre das wahre Gesamtkunstwerk - eine veritable Zeit-Bombe.
Das im Hörverlag München in einer Auflage von 250 Exemplaren edierte Multiple kann bis zum 15. September zum Subskriptionspreis von 784 Euro bezogen werden. Danach kostet es 980 Euro. Die hr2-Sendetermine für Sessions aus den Reihen Past und Future sind der 28. August und der 4. September, Beginn ist jeweils um 22.30 Uhr.



 

 

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